zur Geschichte

Fastnacht, Fasching, Karneval – zur Geschichte

Der römische Karneval im Mittelalter

Die Fastnacht als Schwellenfest vor dem Anbruch der vierzigtägigen Fastenzeit hat ihren Ausgangspunkt voll und ganz im christlichen Jahreslauf. Mit den heidnisch-römischen Festen der Saturnalien und Bacchanalien oder den vorchristlichen germanischen Bräuchen der Winteraustreibung steht es in keiner direkter Verbindung, auch wenn manche Bräuche des rheinischen Karnevals oder der alemannischen Fastnacht daran erinnern.

Vergleichsweise früh gab es fastnächtliche Festformen im klerikalen Umfeld des mittelalterlichen Rom. Schon für das 10. und 11. Jahrhundert sind Narrenfeste bezeugt, die durch eine Verkehrung der Hierarchien und Rollen gekennzeichnet sind, wie z. B. die Bischofsspiele, bei denen Mesner oder Schüler von Klosterschulen in die Rolle eines Bischofs oder Abts schlüpften. Am letzten Sonntag vor der Fastenzeit fanden am Testaccio, einem Hügel an der Tiberschleife innerhalb der Stadtmauern von Rom, öffentliche Karnevalsspiele statt, in deren Verlauf ein Bär, junge Stiere und ein Hahn getötet wurden. An diesen Spielen konnten alle waffenfähigen Männer zu Pferd oder zu Fuß teilnehmen.

Etwa seit dem späten 13. Jahrhundert waren sie in den Rahmen eines öffentlichen Zeremoniells einbezogen, an dem nicht nur der Papst bzw. seine Beauftragten, sondern auch der städtische Magistrat teilnahmen. Der römische Karneval war also nicht mehr nur ein Fest der einfachen Leute. Seit der Mitte des 14. Jahrhunderts sind die Spiele auch in den Verordnungen der Stadtgemeinde eigens bedacht und geregelt. Eröffnet wurden sie durch einen Festzug vom Kapitol zum Testaccio, der durch phantasievolle Kostüme und später auch durch Wagen mit der Darstellung allegorischer Szenen geprägt war.

Dann wurden Stierkämpfe, Schlachtzeremonien und verschiedene Wettkämpfe veranstaltet. Zu den Spielen am Testaccio kam im Laufe der Zeit ein zweites Fest hinzu, das des "Agone", das drei Tage früher auf der "Piazza Navona" stattfand, also am heutigen "Schwerdonnerstag", "fetten Donnerstag" oder "schmutzigen Donnerstag".  


Fastnacht, Karneval in Deutschland – Anfänge und Entwicklung

In Deutschland entwickelten sich Fastnachtsbrauchtum und Karnevalsbrauchtum möglicherweise im 11. Jahrhundert. Zumindest hatte zu diesem Zeitpunkt die christliche Ausrichtung des Festes alte heidnische Formen verdrängt. Das älteste schriftliche Zeugnis über die Feier des Fastabends in Köln stammt aus dem Jahre 1341.

Die Fastenzeit stellte im Mittelalter einen radikalen Einschnitt im Jahreslauf dar. Nicht nur der Verzehr von Fleisch, sondern auch der Genuß tierischer Produkte wie Milch, Butter, Käse, Schmalz, Fett und Eier war streng verboten. Dies hatte zur Folge, daß in den Tagen vor der Fastenzeit eigens nochmals geschlachtet und Fleisch in größeren Mengen konsumiert wurde. Dies geschah teilweise im Rahmen großer öffentlicher Gelage. Darüber hinaus war es notwendig, verderbliche Vorräte zu verwerten. So entstanden beispielsweise in Schmalz gebackene, eierhaltige Fastnachtsküchlein oder Fastnachtskrapfen. Die Fastnachtsbräuche, bezogen auf die Elemente gemeinsames Essen und Trinken, entwickelte sich also aus ökonomischen Gründen.

Neben dem Verzicht auf Fleisch und tierische Nahrung gehörte auch das Gebot sexueller Enthaltsamkeit zur Fastenzeit. Junge Paare legten daher ihre Hochzeitsnacht gerne in die Fastnacht und der Tag vor Aschermittwoch etablierte sich als ein beliebter Hochzeitstermin. Aus dem gleichen Grund fanden auch Tanzveranstaltungen unmittelbar vor der Fastenzeit statt. Gemeint sind dabei Tanzveranstaltungen mit Paaren beiderlei Geschlechts, bei denen es nicht immer gerade prüde zuging. So wurden Musik und Tanz zu einem wesentlichen Element der Fastnachtstage.

Im 14. und 15. Jahrhundert kamen Spiel- und Schaubräuche als neue Elemente der Fastnacht hinzu, die vor allem von Handwerksgesellen getragen wurden. Sie reichten von ernsthaften Wettkämpfen und komischen Turnieren über demonstrative Vorführungen wie Pflug- oder Eggenziehen und Lärmorgien bis zu städtischen Umzügen und Theateraufführungen in späterer Zeit. Seit Beginn des 15. Jahrhunderts traten die Akteure dabei zunehmend verkleidet und maskiert auf.

Sowohl die weltliche als auch die geistliche Obrigkeit begegnete dem Fastnachtstreiben am Vorabend zur Fastenzeit weitgehend mit Toleranz, soweit bestimmte festgelegte Regeln eingehalten wurden. Ende des 15., Anfang des 16. Jahrhunderts trat jedoch eine Veränderung der theologischen Bewertung der Fastnacht ein. Grundlage hierfür war in erster Linie die Zwei-Staaten-Theorie des Kirchenlehrers Augustinus. Während die Fastenzeit mit der "civitas dei" (Gottesstaat) gleichgesetzt wurde, interpretierte man die Fastnacht als "civitas diaboli" (Teufelsstaat).

Dies hatte natürlich Auswirkungen auf das Erscheinungsbild der Fastnacht. Während die Art der Kostümierung und Maskierung bisher eher beliebig gewesen war, tendierte sie nun sehr stark hin zur Darstellung von Negativgestalten. Man trat mit Teufelsmasken und Fratzen auf. Dies entsprach dem kirchlichen Verständnis der Fastnacht als Demonstration einer verkehrten, unheilvollen und gottfernen Welt.

Einhergehend mit dieser Entwicklung entstand auch eine neue Fastnachtsfigur, die immer stärker zum Repräsentanten der Fastnacht schlechthin wurde: der Narr. Die Figur des Narren wird heute gleichgesetzt mit der eines lustigen Menschen, eines Spaßmachers oder Possenreißers. Ursprünglich war die Bedeutung jedoch weiter gefaßt. Mit dem Narr verband man Dummheit, intellektuelle Beschränktheit, Geistesblindheit oder sogar Geisteskrankheit. Hinzu kommt, daß mit dem Begriff Narrheit auch stets der Aspekt der Bösartigkeit, des Gefährlichen, des Gottesleugnertums, ja sogar der Erbsünde einherging. Der Narr war somit im ursprünglichen Sinn der Inbegriff der verkehrten, heillosen Welt. Er hatte nur wenig mit dem zu tun, was man heute als Fastnachtsnarr oder Karnevalsnarr bezeichnet.


Karnevalisierung der Fastnacht - die Reform im 19. Jahrhundert

Ende des 18., Anfang des 19. Jahrhunderts war das närrische Treiben an Fastnacht, das bis dahin überall im deutschen Raum ähnlich gewesen war, an einem Tiefpunkt angelangt. Es war zu einem Fest vor allem der unteren Volksschicht verkommen, wobei es häufig zu Raufereien, Schlägereien, Pöbeleien, Belästigungen u. ä. kam. Bei der Obrigkeit und der gebildeten Oberschicht besaß es kein Ansehen mehr. Die Fastnacht mit ihren Schreckfiguren und Groteskgestalten sah man als unzeitgemäß und überholt an.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts kam es jedoch, wohl beeinflußt durch die Romantik, zu einem bemerkenswerten Bewußtseinswandel und einem Umschwung in der öffentlichen Meinung in Bezug auf das fastnächtliche Geschehen. Vermehrt gab es Bestrebungen des Bildungsbürgertums, die Festivitäten vom Vulgären zu befreien und ihnen sowohl formal als auch inhaltlich ein neues Gepräge zu geben. Es entwickelte sich die organisierte Fastnacht.

Den Anfang, das Fastnachtstreiben in geordnete Bahnen zu lenken, machte die Stadt Köln, heute die Karnevalshochburg in Deutschland schlechthin. 1823 wurde ein Karnevalskomitee bzw. ein "Festordnendes Komitee" gegründet, und man beschloß, die Leitung des Festes in die Hände der symbolischen Figur des "Helden Karneval" zu legen. Das "Festordnende Komitee" organisierte einen geordneten Fastnachtsumzug bzw. Karnevalsumzug am Rosenmontag, dem eine leitende Idee bzw. ein sich jährlich änderndes Motto zugrunde gelegt werden sollte. Allmählich entstanden aber auch andere Elemente, die heute überall, wo Fastnacht im Stil des rheinischen Karnevals gefeiert wird, fester Bestandteil sind, wie z. B. Sitzungen, Aufführungen von Narrenstücken oder die Narrenkappe.

Diese neue Form der organisierten Fastnacht machte Schule und breitete sich sehr schnell entlang des Rheins aus. 1825 übernahmen die Städte Düsseldorf und Koblenz, 1826 Bonn und 1829 Aachen diese Neuerungen. In Mainz begann man erst im Jahre 1837 die Fastnacht nach dem Kölner Vorbild zu reformieren. In einem Punkt weist die Mainzer Reform eine Sonderentwicklung auf. Von Anfang an war die Fastnacht politisch ausgerichtet. Engagierten Publizisten gab man die Möglichkeit, ihre politischen Forderungen in Form von Büttenreden, Glossen und Liedern zum Ausdruck zu bringen.

Die Karnevalisierung der Fastnacht hatte sich bis Mitte des 19. Jahrhunderts flächendeckend am Mittel- und Niederrhein durchgesetzt. Auch im Südwesten Deutschlands fand zunächst die gleiche Entwicklung statt. Während sich jedoch in den Karnevalshochburgen Köln, Mainz, Düsseldorf und überhaupt im Rheinland der Sitzungskarneval und die Karnevalsumzüge mit Motivwagen bis heute erhalten haben, regte sich um 1900 im baden-württembergischen Raum Widerstand gegen diese Form des Feierns. Vor allem das einfachere Volk fühlte sich von oben bevormundet. Man fing wieder an, die alten Narrenkleider und Masken hervorzuholen und die Fastnacht wie in früheren Zeiten mit Mummenschanz und lärmendem Treiben zu feiern.